Arzt haftet für Diagnosefehler, nicht für Diagnoseirrtum

OLG Hamm, Urteil vom 29.05.2015, Az.: 26 U 2/13

 

Ein Arzt, der aus vollständig erhobenen Befunden einen falschen Schluss zieht, unterliegt einem - für sich allein noch nicht haftungsbegründenden - Diagnoseirrtum. Dem Arzt kann nicht vorgeworfen werden, dass er eine kaum erkennbare Anomalie des Patienten, für die es zuvor auch keinen Anhaltspunkt gab, nicht diagnostiziert hatte, nachdem er die gebotene Untersuchungen durchgeführt hatte.

Dem Arzt sei - so der Senat - kein Befunderhebungsfehler unterlaufen. Er habe alle Untersuchungen vorgenommen, die nach dem einzuhaltenden medizinischen Standard im Zusammenhang mit dem Eingriff geboten gewesen seien. Für die beim Patienten vorliegende Anomalie hätten zuvor keine Hinweise bestanden, nach ihr habe der Arzt nicht fahnden müssen. Der Arzt hafte auch nicht für eine fehlerhafte Diagnose. Ein Arzt, der aus vollständig erhobenen Befunden einen falschen Schluss ziehe, unterliege einem - für sich allein nicht haftungsbegründenden - Diagnoseirrtum. Dieser stelle erst dann einen haftungsbegründenden Diagnosefehler dar, wenn die Diagnose im Zeitpunkt der medizinischen Behandlung aus der Sicht eines gewissenhaften Arztes medizinisch nicht vertretbar sei. Hiervon sei im vorliegenden Fall nach den Gutachten der Sachverständigen nicht auszugehen.